Prof. Dr. Dr.phil. Harald Walach
Agenten statt Patienten! – Ein neues medizinisches Paradigma muss her!
Unser momentanes medizinisches Denkmodell geht auf Descartes zurück. Dieser hat in seinem posthum veröffentlichten Werk „Traité de l‘ Homme“ (1664) die Idee aufgebracht, dass Tiere Automaten seien. Es hat 200 Jahre gedauert, bis diese Idee durch Virchows Zellularpathologie zur „modernen“ Idee wurde und nochmals 200 Jahre bis sie heute dominant wurde.
Diese Vorstellung war und ist extrem hilfreich, wenn es um die Behandlung von akuten Verletzungen, Traumata, Unfällen und Infektionen geht. Die Vorstellung ist weniger hilfreich, wenn es um die Behandlung von chronischen Problemen oder Lebensstilerkrankungen geht. Diese machen heute vermutlich mehr als drei Viertel aller medizinischen Probleme aus.
Die Medizin behandelt aber alle Menschen als „Patienten“, als „Leidende“ und damit als „passive“ Empfänger medizinischer Hilfeleistungen. Das mag für bewusstlose Unfallopfer oder für schwer akut Kranke zutreffen. Es ist aber eine unpassende, vielleicht sogar gefährliche Konzeption für alle anderen. Denn wir sind „Agenten“, Handelnde, und sollten uns auch als solche fühlen, benehmen und präsentieren. Denn dann kommt ein wesentliches Element ins Spiel, das für alle Heilungs- und Gesunderhaltungsprozesse von zentraler Bedeutung ist: Unsere Eigenverantwortung, unsere Entscheidung und unsere Aktivität.
Verantwortung bedeutet: Wir verstehen uns als diejenigen, die in der Tiefe Experten für unser eigenes Leben und sein Gelingen sind. Es kann oft hilfreich und nötig sein, uns in einem Gegenüber zu spiegeln und Rat von einem Fachmann anzuhören und anzunehmen. Aber letztlich tragen wir selber zu unserer Gesundung bei.
Deshalb sollte das Maschinenmodell der akuten Versorgung ergänzt werden durch ein Modell, bei dem der handelnde, kompetente und entscheidende Mensch ins Zentrum rückt, als ein sich selbst immer wieder erneuerndes System, das eigenaktiv ist.
Dazu gehört auch, dass wir nicht einfach nur Maschinen oder biologische Algorithmen sind, wie das transhumanistische Konzeptionen meinen, sondern dass wir in der Tiefe von einem spirituellen Wesenskern ausgeleuchtet werden, der in diesem Leben zur Geltung kommen will. So manche Krankheit kommt daher, dass dieser Kern nicht gesehen wird. Und oft geschieht Heilung dann, wenn wir ihn zum Ausdruck bringen. In diesem Beitrag will ich diese Konzeption und ihre Konsequenzen illustrieren.
Der Referent
Professor Harald Walach ist klinischer Psychologe (Diplom 1985, Promotion 1992, Habilitation 1998) und Philosoph (Promotion Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsgeschichte 1995). Er ist Professorial Research Fellow am Next Society Institute an der Kazimieras Simonavicius University in Vilnius, Litauen, und ist Leiter und Gründer des Change Health Science Instituts in Basel. Davor lehrte er an der Medizinischen Universität Poznan, Polen, an der Europa-Universität Viadrina und war Forschungsprofessor an der Universität Northampton in England. Sein Forschungsschwerpunkt ist neben der Evaluation komplementärmedizinischer Verfahren die Frage nach der Schnittstelle zwischen Bewusstsein und Gesundheit und die Rolle der Spiritualität für unsere Kultur. Er hat über 200 peer-reviewte Forschungsarbeiten publiziert, über 100 Buchkapitel und 16 Bücher. Außerdem beschäftigt er sich mit Grundlagenforschung zur Entstehung des Placebo-Effekts, lebensstilbasierter Prävention von Demenz, Forschungen zur SARS-CoV-2-Pandemie, Transhumanismus und Naturalismus. Er schreibt regelmäßig über Themen, die ihn beschäftigen, auf dem Blog seiner eigenen Seite https://harald-walach.de. Dort befindet sich auch eine Publikationsliste und ein vollständiger Lebenslauf.